Allgemein

Jammern auf hohem Niveau

VOR_Magazin_02_2018
Das Jammer-Echo hält an. Nachdem im Jänner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hymnisch über “Jammern auf hohem Niveau” geschrieben wurde, wird mein Barhocker-Oratorium im aktuellen VOR Magazin empfohlen. Das freut mich natürlich. Demnächst gibt es hier auch einen Jammer-Lese-Video-Clip.

Blutbande

RKA_38_Orangenhaut
Blut hält ihn zusammen den Schalen-Turm von Isa. Blut und Fleisch. Fruchtfleisch. Isa heißt natürlich Isabell. Ja, mit doppel „l“. Ja, ich weiß, dass das klingt, als ob du deinem Hund namens Isa befehltest, zu bellen. Da bleibt nichts vom göttlich Schönen. Da waren die Eltern etwas zu l-fixiert, kann passieren. Aber Blut und Fleisch hält auch Isabell und ihre Eltern zusammen. Familie halt.

Rohrköhlauer #38, am 31. Dezember 2017

Brennwert

RKA_37_Schneibholz
Die Schnieflage war offensichtlich. Noch beherrschte Mister Rotpunkt den Markt, aber H., B.H. und bisher noch namenlos agierende, aber massiv auftretende, Quertreiber drängten sich in seinen Versorgungsbereich. Was die anboten, wusste Mister Rotpunkt nicht, sicher irgendetwas chemisch Versautes. Koks war ja nur mehr in Dorfdiscos die „Tanztenne“, „Strobostadl“ oder „Kuh York“ hießen in. Zeit für Veränderung, sagte sich Mister Rotpunkt und sattelte um auf Pellets.

Rohrköhlauer #37, am 27. Dezember 2017

Klugfracht

RKA_36_Flugfracht
Plan B wäre gewesen, eine Religion zu gründen. Aber für einen Guru bist du zu scheu. Du operierst lieber verdeckt. Du steckst Lebensratschläge lieber in Schachteln als in Worthülsen. Paket- statt Predigerdienst. Dass der Glücksversand nicht strandete, sondern vielmehr eine Trendwelle auslöste, hat natürlich mit deinem Zeitgeistgeschick zu tun. Und Titel kannst du ohnehin!

Rohrköhlauer #36, am 22. Dezember 2017

Lese-LUX

LUX_PorträtIn diesem Jahr hab ich ein persönliches Lebensziel erreicht. Seit September schreibe ich monatlich eine Geschichte für “Das Magazin für helle Köpfe. LUX”. Ihr erinnert euch sicher alle an die “Spatzenpost” und das “Kleine Volk”, Zeitschriften, die unsere VS-Zeit prägten.
Mittlerweile gibt es für die 1. Klasse die Mini-Spatzenpost, für die 2. Klasse die Spatzenpost und für die 3. und 4. Klasse das LUX. Und Monat für Monat trifft ein Gefühl in meiner Geschichte auf ein anderes und die zwei stellen sich gegenseitig vor (in der Jänner-Ausgabe mit dem Titel “Wünsch dir was!” geht es beispielsweise um Freundschaft und Sehnsucht) .
Das macht Spaß, bringt mir viele Reaktionen ein, ist bunt illustriert und geht auf jeden Fall weiter bis mindestens 2019. Und ein Lehrer*innen-Magazin gibt es auch, da durfte ich mich neulich vorstellen, weil es die Illustration meiner Jänner-Geschichte aufs Titelblatt geschafft hat: https://www.lehrerservice.at/magazin/magazin-prim.php?magid=prim179&src=1

 

Bezugsperson

RKA_35_Rollgebettet
Du stellst uns aus. Du stellst uns auf. Du machst unser Bett zum Bild. Du machst unseren Couchbezug zum Abzug, zum Foto, zum Exponat. Du verzichtest dabei freilich auf Farbe und Flecken. Du weißt, was Flecken für einen Eindruck machen. Du bist dir der Macht des Weißen bewusst. Die Projektionsfläche muss maximal und rein sein. Gold, Silber, Leopardenmuster, Rotwein-, Sperma-, Marmeladeflecken, das lenkte alles zu sehr in eine Richtung. Du willst nicht richten. Du willst nicht lenken. Du willst für alles offen sein und versinken. Willst, dass die Betrachtenden versinken können. Du nimmst sie auf in dein Werk, in unser Bett, in unsere Mitte. Du verzichtest dabei freilich auf Hängung und Statik. Du willst nicht abhängig und endgültig platziert sein. Du bestehst auf Mobilität und Flexibilität. Du willst dich nicht binden lassen. Du willst dich jederzeit verrollen können. Radfeststellbremsen vorhanden – Einsatz nur in Notfällen vorgesehen. Unvorhersehbarkeit muss dennoch Programm bleiben. Notfälle können aber vorkommen. Sag mal: Bin ich dir Notfall oder Fallstudie?

Rohrköhlauer #35, am 18. Dezember 2017

Biedermeier

RKA_34_Flirtversuch
Wind ist Singen des Himmels
Schnee ist Mantel der Gegend
Der Himmel pfeift
Der Gegend
Ob ihres Mantels was:
Flirten der Elemente
Flirten im Kleinen ist nicht minder diffizil und gegen die Gegend hilft nur Häuslichkeit. Cocooning ist an sich zu euphemistisch. Handarbeitshobbies bieten sich an: häkeln, stricken, sticken, knüpfen, klöppeln, batiken. Nach monatelangem Einspinnen braucht es dann aber auch eine Ausspinnphase und bunter Schmetterling bist du dann keiner, eher ein bleicher Zombie im gebatikten Schlafanzug, mit geknüpfter Blumenampel im Gang, gehäkelten Pulswärmern an den Handgelenken, gestrickten Legwarmers an den Unterschenkeln und mit Monogramm besticktem Stofftaschentuch im Sack. Du bist dann nicht flatterhaft, eher desorientiert zappelnd: Zombiezappler. Der Zombiezappeldance gehört längt etabliert. Do the Zombiezappelmove, dance the Zombiezappeldance and feel free to do so. Und was genau nochmal wird eigentlich geklöppelt? Und sag mal: Liebst du mich eigentlich?

Rohrköhlauer #34, am 6. Dezember 2017

Heimleuchten

RKA_33_Norwegen
Und ein falunroter Anstrich macht noch lange kein schwedisches Holzhaus. Und eine kryptische Tafel ist nicht per se finnisch. Und strahlend weiße Geländer, Fenster und Türen machen genau so wenig auf eindeutig norwegisch, wie eine weiße Ortgang-, Giebel- und Traufengestaltung. Und mehrere Postkästen machen nicht automatisch mehrere Freunde. Und eine großzügige Einfahrt macht noch keine Gastlichkeit. Und ein Busch ist nur symbolisch, wenn er brennt. Und Birken wachsen da und dort in den Himmel. Und ein kleines „i“ auf grünem Grund verhilft nicht unbedingt zu Informationsvorsprung. Und nur weil das Kehrenpfützchen gefroren ist, muss man nicht gleich zittern. Und ob das ein Volvo, ein Skidoo oder Nidhöggr, der hasserfüllt schlagende Drache aus der nordischen Mythologie ist, der am Weltenbaum Yggdrasil lebt und die Toten peinigt, lässt sich halt einfach nicht erkennen. Und dieses ominöse Licht beim Sterben, muss natürlich kein Tunnel sein.

Rohrköhlauer #33, am 21. November 2017

Himmelfahrt

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Er versuchte sich beständig Verwegenes zu erkaufen. Er gab Bibliotheksbücher nicht zurück, gab vor, sie verloren zu haben, wusste, dass es genügte, der Bibliothek ein neues Exemplar zu bringen und nahm das gern in kauf. Er besaß lieber in Klarsichtklebefolie eingemachte, speckige und mit Fett-, Kaffee und anderen Flecken versehene Bücher mit Bibliotheksidentität, als jungfräuliche, selbst erstandene. Er lieh sich Bücher aus, bestellte sie sodann bei seiner Lieblingsbuchhandlung, holte sie ab und brachte sie direkt zur Stadtbücherei seines Vertrauens. Er war ein Kauz aber kein Troll. Das Internet hatte er noch nicht für sich entdeckt. Seine Welt war eine alte. Seine Welt war mehr Bibliotheksausweis als W-LAN, mehr Frack als Jeansjacke. Er hatte einen Schneider, kein Lieblingslabe. Bei seinem Schneider fühlte er sich in sicheren Hemden. Aber er konnte auch anzüglich sein: Mit Wams, Halskrause, Melonenhose und Stulpstiefeln, mit Posamenten (applizierte Schmuckelemente wie Kordeln und Webbänder), gepuderter Haarbeutelperücke, Kniebundhose und Rockschößen, mit Vatermörder (steifer, vorne offener Stehkragen), Volants (Ärmelbesatz) und Pumphosen. Auf die Gretchenfrage antwortete er mit: „Tantrismus & Brustwarzenbuddhismus.“ Aufregen konnte er sich über Alltagsdinge: „Und die Serviettenständer sind immer so prallvoll, dass man nie problemlos eine Serviette rausziehen kann. Entweder man reißt sich Stücke oder ganze Stapel raus. Ändert das!“ Andererseits aber konnte er sich über kleine Nettigkeiten auch ehrlich freuen. „Am Nachtkästchen Peti-Point-Stickereien und auf dem Kissen eine Lavendelsäckchen-Herzlichkeit mit in die Masche eingebundenem Sleep-Spray. Das hat wer an alles gedacht. Da mussten keine Schafe mehr gezählt werden. Da entschlummerte ich zufrieden bis über beide Ohren und der Rest steckte unter der wohlig-warmen Bettdecke.“ Wenn er sich was gönnen wollte, verbrachte er eine Nacht im Hotel, am liebsten in einem Hotel in der Nähe seines Hauses. Er war ein unauffälliger Gast, der gut Trinkgeld gab. Er liebte die Neue Sachlichkeit in der Kunst und in der Architektur. In der Literatur war er wählerischer und aus der Natur bezog er all seine Energie. Er saugte Regen und Sonnenschein förmlich auf, genoss Nebel und Wind, Schneefall und Hagel ließen ihn aufblühen und kaum denkbar, was wohl passierte, wenn ihn dereinst ein Blitz träfe.

Rohrköhlauer #32, am 11. November 2017

Deutschlandfunk Wels-Feature

TiergartenFotoBike
In 30 Minuten beim Indischen Pfau, sagte ich am Telefon zu einer ziemlich mitgenommenen Stimme. Kein Wunder, der Mann hatte nur ein paar Tage Zeit, um 5 Radiobeiträge über Wels zu machen, da ist Schlaf natürlich Luxus. Der Mann hieß Tom Schimmeck und arbeitete für Deutschlandfunk. Er erschien pünktlich und trug seinen Mikromuff am Kurzgalgen wie ein Einhorn vor sicher her. Wir unterhielten uns und die Vögel im Welser Tiergarten taten ihr Bestes, um eine eindrückliche Hintergrundsoundkulisse abzugeben. Ich schenkte ihm ein “Jammern auf hohem Niveau”, er fotografierte mich und nun ist der Beitrag zu hören und zu lesen. Schön geworden, finde ich.