Allgemein

Arbeitsanfall

RKA_31_klein
„Ba-ba-ba-ba-ba-Banküberfall“, sang die EAV vor 32 Jahren. Ist das ein Banküberfall? Wurde der Lehne die Würde geraubt? Was würde die Bank sagen, könnte sie in die Kommunikation eintreten? „Als Bank stehe ich für alle meine Sitzenden ein“? „Schleichts euch alle miteinand“? Oder sänge sie gar – wie Bill Withers vor 45 Jahren: „You just call on me brother, when you need a hand. We all need somebody to lean on. I just might have a problem that you’ll understand. We all need somebody to lean on.“? Singen ist Arbeit. Kommunikation ist Arbeit. Bankraub ist Arbeit. Beschriftung ist Arbeit. Beflegelung ist mehr Hobby als Arbeit aber gelegentlich Pflicht. Wie lang kann man von Urban-Art und ab wann muss man von Parkbankverunstaltungflegelei sprechen? Der Grat zwischen Adelung, Veredelung und Verschandelung ist schmal wie eine Parkbankbrettkante. Und apropos Kante respektive auf der hohen Kante haben. Was wird das Credo der neuen Regierung sein? „Arbeit gilt nicht – Eigentum ist alles“? „Türkis is the new black“? Oder „Paint it black“? „I see a red door and I want it painted black. No colors anymore, I want them to turn black (…) No more will my green sea go turn a deeper blue. I could not foresee this thing happening to you.“, sangen die Rolling Stones for 51 Jahren. Keine Farben mehr aber Pilzbefall. Ich weine eine grüne Träne.

Rohrköhlauer #31, am 16. Oktober 2017

Eigenheim

RKA_30_Wandläufer
Dass er schon bei der Besichtigung durchdrehen würde, damit war nicht zu rechnen. Die Bankbesuche, ja, die stellte sie sich schwierig vor. Dass er nicht ruhig sitzen und jemandem zuhören konnte, der von 300.000 Euro und 30 Jahren Laufzeit sprach, wusste sie. Aber dass er gleich bei der dreizehnten Besichtigung so auszuckte… Garconnieren sind leider auch nicht leichter zu finden.

Rohrköhlauer #30, am 1. Oktober 2017

Blockparty

RKA_29_Randbein
Drive-by-Steinigung trifft’s nicht ganz. Der Stein war vor mir da. Der Stein ist unschuldig, aber ich gerädert. Ich habe den Stein gemenschigt. Warum? Weil er grad da war und so ausschaute, als könnte er etwas Wärme gebrauchen. Und warm war mir. Momentan bin ich (herbstbedingt) kleidungstechnische Schichtarbeiterin und arbeitstechnisches Work-around-the-Clock-Opfer. Mir ist heiß, ich koche, dampfe, schwitze. Ich rappel mich auf und rocke mich ab. Ich gebe allen alles – Steinen, Bäumen, Menschen: mich – das fordert Tribut. Den Rock ‘n’ Roll leben, sagt sich immer so einfach. Ich mag zwar Steine rollen, komme mir dabei aber eher wie Sisyphus vor als wie Keith Richards. Nix mit Sex, Drugs und Blutwäsche – bloß stets voller Wäschekorb, ausstehende Honorarnoten und Mailanfragen beantworten. Da wäre es schön, einfach einmal ein Stein zu sein. Stein sein und in sich zu ruhen. Stein sein und bloß rumzublocken. Stein sein und in und Teil der Landschaft zu sein. Und weit und breit kein Stein, der einen störte oder was von einem wollte. Ach, es könnte so schön sein. Das Steinsein. Genug herumgekieselt, jetzt wieder ran an die Buletten!

Rohrköhlauer #29, am 27. September 2017

Poesieremise

RKA_28_PoesieremiseWiedergelesenes macht nicht immer ganz glücklich. Die erste in den Schnee der eigenen Gedächtnislandschaft gezogene Spur mag zwar mühsamer sein, ist aber auch eindrücklicher, schreibt sich anders ein in den Hirnschalenbrokkoli. Der Frontalscheitellappen ist das Gegenstück zur Hinterhirnremise, diese erschließt sich einem nicht so leicht. Dort einst Eingefahrenes will sanft gekitzelt werden, um wieder aufzustehen. Bei mir funktioniert das am besten über Schlüsselwörter. Deren Bart streichelt, kratzt, weckt was in mir und plötzlich öffnet sich das Tor zur Erinnerung. Ich lese „Zur-Kugel-Rollen“ und schon hab ich es vor Augen „Mein großes Igel Buch“. Das Buch meiner Kindheit. Jüngst wieder vermehrt erhältlich auf gut sortierten Flohmärkten.

Rohrköhlauer #28, am 15. September 2017

Durchbruch

RKA_27_Schiffbruch
Kopf an Kopf. Kurz, die flotte Fregatte und Strache, das alte Schlachtschiff. Beide verkündeten gern: Mein Land in Sicht! Beiden alle Mittel recht. Beide bereit, mit dem Kopf durch die Wand zu brechen und mit dem Bug durch den Sand zu stechen. Ein österreichisches Schlammscharmützel.

Treibsand

RKA_26_Treibsand
Wir spielen unsere Spiele immer nur im September. Wir reisen dafür jedes Jahr drei Tage lang an einen Ort, den wir per Zufall bestimmen. Für den Zufall bist immer schon du zuständig gewesen. Du für die Zufälle – ich für die Einfälle. Dir lag Philosophisches, Mythisches und Verqueres schon immer. Mir lag immer schon was an dir. Deshalb mache ich noch immer mit. An sich kann ich mir die Reisen ja, seit meinem großen Tag vor drei Jahren an der Ostsee unweit von Sopot, gar nicht mehr leisten. An sich schaffe ich unsere Spiele schon rein körperlich kaum mehr, vom Mentalen gar nicht zu reden. Aber das Dabeisein, das dir Nahsein entschädigt dann doch für vieles. Vergleichen lassen sich unsere Spiele mit nichts mir Bekanntem. Erste Hilfe wird schon geleistet – untereinander. Von offizieller Seite dürfen wir uns nichts erwarten. Legal waren unsere Spiele von Anfang an nicht. Man kann unsere Spiele durchaus Dekadenzathlon nennen. Mehr Kunst als Sport, mehr Ernst als Spiel, mehr Russisches Roulette als Strippoker. Vor drei Jahren überspannten wir den Bogen, denn neben mir trugen noch zwei Freunde (ach, Freunde sind wir doch alle längst nicht mehr, wir sind Spielfiguren) bleibende Schäden davon. Das Video von meinem Ausfall verbreitete sich viral. Seither haben wir Mühe, im Verborgenen zu bleiben. Diesmal bin ich Scharfrichter. Ich hab da eine Rechnung zu begleichen, ich hoffe, es trifft nicht dich.

Wonnenbrand

DSC07607
Jetzt geht es Schlag auf Schlag. Soeben ist “Wonnenbrand” erschienen (Edition Yara). Ein Poesiekorrespondenz-Projekt mit meinem FULS-Partner Peter Clar. Im Mai 2017 haben wir uns täglich 12-Zeiler geschickt, um das Tagesgeschehen, die Umwelt und die Befindlichkeit zu dokumentieren. Wir reisten viel, wir lasen viel und beendeten das Projekt dann gemeinsam in Danzig. Im November werden wir dieses, auf 6 Jahre angelegtes, Unterfangen fortsetzen. Am 6. September 2017 lesen wir daraus und zwar in der Lerchenfelder Buchhandlung um 19 Uhr.

Schrankwand

RKA_25_Schrankwand
1
Das wird die Rolle deines Lebens, sagte er. Damit wirst du sie alle entknipsen und einwickeln. Damit wirst du die Fotosprache neue grammatisieren. Damit morphst du die Grundbegriffe der Lichtbildkunst. Damit radikalisierst du die Belichtung und setzt auf Erleuchtung. Damit verschiebst du den Fokus von Dokumentation auf Prophezeiung, von Feshalten auf Loslassen, von Jacke auf Hose. Damit rechnet niemand. Darauf wirst du bauen können. Deine Hosentascheneinblicke werden Augen, Sichtweisen und Geldbörsen von Mäzen öffnen.
2
Das wird die Rolle deines Lebens, sagte der Kasten. Mein Kasten wusste mich immer schon zu motivieren. Ich kam immer schon gut klar mit meinen Kasten. Nur nannte ich ihn eigentlich nicht Kasten. Die Redewendung „Alles im Kasten haben?“ kommt ja aus einer anderen Zeit. Ich komm auch aus einer anderen Zeit. Wer redet denn noch mit seinem Kasten und wessen Kasten antwortet dann auch noch? Ich und meiner. Ich nenn meinen Kasten Kammer. Nicht Kamera – Kammer. Mein Kasten ist meine Herzkammer. Ein Kasten hat Türen, eine Kammer Klappen. Zwischen mir und meiner Kammer klappt’s seit Jahren. Wir klicken und entwickeln uns und spielen stets aufs Neue die Rolle unseres Lebens.
3
Das wird die Rolle deines Lebens, sagte das Objektiv. Aber das Objektiv ist mir zu aufgesetzt. Ich bin mehr Verwackler als Stativ, mehr zugespitzt als Weitwinkel. Ich bin eher Sucher als Objektiv.

Rohrköhlauer #25, am 20. August 2017

15 Jahre Poetry Slam in Österreich

SlamOida
Hurra – die Anthologie ist da!
Slam, Oida! enthält 42 Poetry Slam Texte und viel Slam Wissen und ist ab sofort (für schlappe 13,90 €) erhältlich. Dem Lektora Verlag sei Dank.
Texte, Fotos, Bios, Tipps, Praktisches und Wissenswertes auf 250 Seiten zusammengestellt von Mieze Medusa und Markus Köhle.

Paartherapie

RKA_24_Umrindung
Anfänglich fällt man über einander her. Wie auch sich bloß betasten, wenn man astlos ist? Wenn man rastlos ist und nicht genug bekommen kann vom Anderen, vom Neuen, vom endlich Eroberten. Anfänglich verschlingt man sich, umschlingt man sich, ringt miteinander, liegt aufeinander und beschwert sich nicht, wird vielmehr schwerelos, hebt ab, geht ineinander auf und wird ein großes, gemeinsames Ganzes, das für immer zu schweben und unverwundbar zu sein scheint. Anfänglich ist man anfällig für Anhänglichkeit. Aber Anhänglichkeit kann Geborgenheit und Last sein. Anhänglichkeit nützt ab, reibt auf, entblößt und führt unweigerlich zu Abhängigkeit. Und Abhängigkeit ist der direkte Weg vom Alltagstrottkreisverkehr über die einspurige Egoeinbahn in die exitlose Beziehungssackgasse. Drum die Devise: Aufbäumen ist besser als anschmiegen.

Rohrköhlauer #24, am 1. August 2017