Wort der Woche

Durchseuchungsrate

Nein, Euphemismus ist das keiner, zumal in Zeiten wie diesen. Als Durchseuchung bezeichnet man den Verbreitungsgrad einer endemischen Infektionskrankheit. Wir sprechen ja mittlerweile von einer Pandemie und Groß Britannien scheint nichts dagegen zu haben, die Gesellschaft voll zu durchseuchen: Survival of the fittest! Zwei Wörter liegen der Durchseuchungsrate nahe.
1. Die Durchsuchungsrate. Eine harmlose Zahl. Die Durchsuchungsrate einer Tatort-Folge liegt bei 100 Prozent. Das ist der Grundwert. Werden in einer Tatort-Folge mehrere Haushalte und Menschen durchsucht ist sie entsprechend höher. Wir in einem Tatort niemand durchsucht, handelt es sich um einen Unterdurchsuchungstatort. Auffällig: Tatort-Folgen, die im Unterschichtsmilieu angesiedelt sind, sind niemals Unterdurchsuchungstatorte, weil Unterschichtswohnungen so geil abgeranzt sind. Wurden in den 00er Jahren im Tatort gerne die edelsten Design-Buden als Schauplatz gewählt, so ist in den 10er Jahren eindeutig ein Trend zur Substandardwohnung auszumachen. Der Hobbysoziologe in mir spricht hier von Unterschichtssehnsucht der Überentertainten.
2. Die Durchseuchungsratte. Ein effizientes Tier. Die Durchseuchungsratte trägt dazu bei, dass die gesamte Bevölkerung möglichst bald mit dem jeweiligen Virus infiziert ist. Das ist der Durchseuchungsratte Bestimmung und Lebenszweck. Danach kann die Durchseuchungsratte getrost wieder weg. Wer hierorts Durchseuchungsratten ansichtige werden sollte, möge sich bei der zuständigen Ausschiffungsbehörde melden. Via Donau-Main-Rhein-Kanal werden die nützlichen Tierchn von verantwortungsvollen und gerade unterbeschäftigten Donaudampfschifffahrtsgesellschafts-Ausflugsschiffen Richtung Großbritannien geschippert.

Telefonkel

Der Telefonkel ist ein naher Verwandter in der Ferne. Ja, der Telefonkel telefoniert gerne, ist aber keine Skype-Type. Er ist noch immer ein Hörerhalter. Er hat ein Festnetz. Er hat einen Hang zu alten Dingen. Er pflegt Freundschaften auf alte Art und Weise. Er trägt karierte Sakkos, die er im Ausverkauf um 70% ermäßigt kriegt. Weil die Farben gewagt sind. Weil sie nicht unbedingt dem Modetrend entsprechen. Manchmal sind bunte, karierte Sakkos alte Dinge, die der Telefonkel hegt, hortet und persönlich für sich aufwertet. Der Telefonkel settet sich seine Trends selbst. Selbst ist der Telefonkel. Der Telefonkel wird niemals jedermanns Sache sein, dazu ist der Telefonkel viel zu gerne allein und wäre er ein Tier, er wär eine Eule.

Prokrastinationsprophylaxe

Bis auf weiteres keine Arbeit mehr anzunehmen, scheint mir für den Rest des Jahres nicht nur Prokrastinationsprophylaxe sondern tatsächlich der einzige Weg zu sein, dem Novemberdepressionsumkehrschub, dem Dezemberpunschnotstand, ja dem generellen Weihnachtswinterwahnsinn ansatzweise zu entkommen. Serien-Binge-Watching, Wollsocken und Urlaub irgendwo helfen auch. Ja, sogar Urlaub in Wollsocken ist anzuraten.

Hydrokulturpflanzenwanne

Die Hydrokulturpflanzenwanne in Korallenrot gibt’s grad in der Auslage des Bastel- und Kunstbedarfsladens meines Vertrauens in der Haberlgasse, grad um’s Eck zur 46er Bim-Station. Da komm ich oft dran vorbei und bestaune die Hydrokulturpflanzenwanne, die auch mit Rollensatz angeboten wird. Ein Rollensatz besteht aus vier Kugelrollrädern. Mit einer Hydrokulturpflanzenwanne in Korallenrot auf für Kugelrollrädern muss sich doch Kultur pflanzen lassen, muss doch Kultur bewegt, ins Rollen gebracht werden können. Ich bin zuversichtlich.

Pizzablockparty

Neuerdings verstört in Speisekarten das Wort Pizzablock. Pizzablock klingt eher nach einer Vereinigung als nach einer Zutat. Dabei ist Pizzablock bloß Schinken. Heißt der Toastschinken jetzt auch Toastblock? Steht in den kleinen Karten jetzt: Toastblock-Käse-Toast? Muss man sich Sorgen um den guten alten Schinken machen?
Nein, der Pizzablock erobert die Speisekarten des Landes. Deshalb haben wir den Pizzablock isoliert. Wir beobachten den Pizzablock seit geraumer Zeit. Es könnte sich beim Pizzablock um eine terroristische Vereinigung handeln. Es wird wohl nicht mehr lange dauern, bis erste Pizzablockpartys die Bezirke erschüttern werden. Wollen wir das schlucken? Wollen wir dem Schinken zum Abschied leise weinend winken? Oder wollen wir ihn zurück? Wenn ja, dann sagen wir Pizzablock go home in deine Blockhütte und Schinken schwing dich wieder in unsere Mieder.

Proloshirtshitstormer

Sind Sie mehr Rock ’n‘ Rollkragenexistenzialismus als Proloshirtshitstormer?
Sind Sie mehr Hochofen als Sonnenschein? Mehr Lederkluft als Leinenhose?
Haben Sie eher ganzwöchig Freitagstaschenentzug oder winters Stoffbeutelentzugserscheinungen?
Sind Sie mehr zugeknöpfte Metalkutte als bottom down Knopfleistenbruch? Sind Sie mehr Volllederhumhängeschultasche in hell mit dazu passendem Zipreißverschluss-Federpenal oder Schafwollstrickpullover in dick mit zweifärbigem Sternkragenmuster?
Oder machen Sie sich nichts aus Äußerlichkeiten, Vergleichsfragen und Kaffeesatzvergleich ?

Begabelbissen

Von großer Begabung muss nicht gleich gesprochen werden, ein Begabelbissen ist trefflicher. Sozusagen ein Talentchen, ein Händchen für gewisse Dinge. Ein Begabelbissen ist natürlich auch schnell weg und nicht sehr nachhaltig, ist ein Begabelbisschen. Geschicklichkeit hat immer so was Handwerkliches, dabei ist es eher lebenspraktisch, aber im Kreativbereich ist die Geschicklichkeit verpönt. Geschickt ist man dort nicht, geschickt wird man dort, zum nächsten Praktikum beispielsweise. Und sind die Praktikant_innen geschickt, wissen sie auch trefflich trendiges Fingerfood zu kredenzen. Gabelbissen war gestern, Fingerfood ist heute, morgen ist vielleicht Slowforkfood.

Schnoddertontaube

Die Schnoddertontaube spuckt zwar große Töne, ist aber ein sehr fragiles Geschöpf. Große Lippe aber auch leicht platzende Lippe, könnte man sagen. Die Schnoddertontaube ist mit der Labertasche verwandt, sie ist aber eher ein Labersackerl, das schon leicht aufgeblasen, wie die oben beschriebene Lippe, platzt. Die Schnoddertontaube kann männlich, weiblich und auch alles andere sein. Die Schnoddertontaube findet immer einen Weg aufzufallen. Im Hochkulturbereich genügt es, halbwegs heutig zu sprechen. Ein paar Anglizismen, ein paar Satzverkürzungen, ein paar Semi-Frechheiten – das ist dann schon schnoddrig genug. Im familiären Bereich ist schnoddrig einfach pampig, also trotzig pubertär. Ich bin ja geneigt aus dem pampig ein pampfig zu machen. Da das „pf“ mir diese Art noch etwas unterstreicht. In der Wissenschaft geht Schnoddrig auch sehr leicht. Große Teile der Germanistik sind geneigt, den Großteil der Literatur nach 1945 als schnoddrig abzutun. „Loslabern“ von Rainald Goetz ist Schnoddertontaubenschießolympiasieger!

Posterhase

Der Posterhase hat ein natürliches Gegenteil: den Hass-Poster. Der Hass-Poster ist böse, der Posterhase gut. Allein die Unterscheidung von gut und böse ist nicht mehr so klar wie früher. Die Guten werden zunehmend diffamiert, während sich Böse brüsten, eben nicht gut zu sein. Nicht gut ist dann oft sexistisch, rassistisch, intolerant. Gut ist solidarisch, kritisch und umweltbewusst. Der Hass-Poster ist also sexistisch, rassistisch und intolerant. Der Posterhase ist solidarisch, kritisch und umweltbewusst. Wäre der Posterhase ein Mensch, er wäre ein Gutmensch. Nur logisch, dass der Gutmensch das Feindbild der Hass-Poster ist. Nicht logisch, dass Gutmensch mittlerweile als Schimpfwort herhalten muss. Der Posterhase lässt deswegen aber die Ohren nicht hängen. Der Posterhase ist nämlich kein Kulturpessimist sondern Allround-Optimist. Der Hass-Poster macht bloß Mist. Deswegen wird dem Hass-Poster hier jetzt auch nicht mehr Platz eingeräumt. Der gebührt dem Posterhasen. Posterhasen sind immer günstig. Posterhasen gehören in jeden Haushalt. Posterhasen sind leistbar und an der Leistbar unterhält es sich gut. Posterhasen haben sich auch der Unterhaltung verschrieben: Nachzulesen in Posterhasen, Korrespondenzpoesie Teil 3 von Peter Clar und Markus Köhle (vorerst nur auf Nachfrage).

Verpollerung

Wien wird Pollermetropole! Der Sperrpfosten, der Anti-Terror-Poller ist 1 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 32 Zentimeter. Das Wiener Rathaus wird mit 78 strammen Pollern grad zum Zentrum der Sperrpfosten. Poller in Städten sind ja nichts Neues. Man kennt den Kreuzberger Penis. 1987 bei den Krawallen am 1. Mai in Berlin Kreuzberg gab es „Pollerflug-Alarm-Anzeigen“. Zuständig für die städtische Verpollerung ist der Arbeitskreis Stadtmöblierung. Heutzutage spricht man von Funktionspollern. 51.000 stehen in Wien. Poller boomen. Einst war der Poller bloß ein Pflock an Piers zur Befestigung der Schiffsleine.
Seit 1894 werden in Wien Pflocks produziert. Durch Begegnungszonen und neue Verkehrskonzepte war der Poller an sich im Rückmarsch, jetzt aber, aufgrund des subjektiven Unsicherheitsgefühls: Die Rückkehr der Poller.