Wort der Woche

Deckelungsdeckelung

Was soll denn bitte Deckelung heißen? Was soll denn bitte Mindestsicherungsdeckelung? Was soll denn bitte dieser Oberösterreichischer-Hohlkopf-Landtagsbeschluss? 365 Euro? 365 statt 914. 914 auch schon unter der Armutsgrenze. 365 plus 155 Integrationszuschuss, Integrationsbonus. Integrationszuschuss? Integrationsbonus? Was soll denn das heißen? Was soll denn das? Werteschulung, Wertevermittlung, Werteunterricht – echt? Mindestsicherungsdeckelung für Asylberechtigte ist doch Menschenabwertung. Ist doch Integrationsdeckelungs-Ausschuss. Ist doch Menschenrechtsverhöhnung. Ist doch Wertetotalverfall. Ist doch, ist doch nicht zu fassen. Der Oberösterreichische Haussegen, und nicht nur der, hängt schief, schiefer, am schiefsten. Ich bin für Hasspostingsdeckelung. Ich bin für Deckelungsdeckelung. Ich bin für Deckel, Ich bin für Decke, bin für Deck, für De, Ich bin für Deckelungsdekonstrukiton. Ich bin für einen humanitären Sozialstaat, ich bin für einen Mindestsicherungs-Menschlichkeitszuschuss und wenn ihr mit mir seid, dann werdet laut, werdet lauter, werdet unüberhörbar!

Wonnenbrand

Der Mai war dermaßen geil, dass ich doch tatsächlich einen veritablen Wonnenbrand abbekommen habe. Der äußert sich insofern, als man nicht mal mehr in der Lage ist, ohne Aufzeichnungen die letzten vier Wochen zu rekonstruieren. Da war Dresden, Helsinki, Rovaniemi, Tromsö, Trondheim, Lillehammer, Oslo, Danzig und schöne Auftritte da und dort eine entzückende Hochzeit von ganz lieben Menschen und jetzt geht’s ab nach Shanghai. WONNENBRAND. Freudenfest. Totalholladrio und Jubelhjuhui.

Exzesstrophäen

Die Top Ten der sich nach circa zehn Jahren Beziehung einschleichenden Alltags- & Lebensroutinen die für Außenstehende – selbst für beste Freundinnen und Freunde – befremdlich wirken müssen.
10. Die Pflege des Wollmäuseskulpturenparks in den Schlafzimmerecken durch konsequentes Staubsauglustverlieren kurz bevor man das Schlafzimmer erreicht.
9. Die Nicht-Pflege der Topfpflanzen, die eine Totholzkolonie darstellen, aber immerhin mit dem Wollmäuseskulpturenpark harmonieren.
8. Das Kartoffelschälen nackt, um sich besser in die geschälte Kartoffel einfühlen zu können.
7. Das Sammeln von Finger- und Zehennägeln in fein säuberlich etikettierten und mit dem Jahrgang versehenen Gurkengläsern.
6. Das Präsentieren der Finger-Zehennägel-Gurkenglassammlung auf den Küchenkästen wo früher leergetrunkene Exzesstrophäen standen.
5. Die Nasszellengebräuchlichkeiten in punkto Synchronisation diverser Absonderungshandlungen und Säuberungsaktionen.
4. Die Strichmännchen-Fingerzeichnungen in der Badewannenschmutzwand.
3. Die im Lampenschirm hängende Katze.
2. Das Silberfischterrarium unter der Abwasch.
1. Die Bärenfalle anstelle des Willkommen-Fußabstreifers.

Schnitzschnitzel

Gleichermaßen verstört wie erheitert las ich am Dienstag die “Heute” Titelschlagzeile: “Deutsche zeigen Österreicher Nazi-Schnitzel”, darunter ein Foto von einem panierten Hakenkreuz am Teller. Ich fragte mich, ob unter der Panier wirklich Fleisch steckte, ob da also ein Deutscher ein schönes Stück Fleisch ordentlich klopfte, um daraus dann ein Hakenkreuz zu schnitzen und dieses dann sorgflältig zu panieren, auf dass die Form ja gewahrt bliebe. Es sodann in die Fritteuse zu tunken, auf einem Teller – mit braunem, nein, viel schlauer, mit grünem Rand – zu drapieren und anschließend zu fotografieren und ins deratige Foto natürlich mit großem Hallo und Herzlichstem Willkommen aufnehmende Netz zu schleusen, auf dass diverse Socialmediaseiten oder aber vielleicht sogar eine Gratiszeitung diese politisch motivierte Schnitzschnitzel-Arbeit für nachrichtenrelevant erklären und ihr gebührenden Platz – ach, warum denn nicht, – auf der Titelseite einräumen. Ich frage mich das, bin aber nicht bereit, weitere Lebenszeit dafür zu verwenden. Das Nazi-Schnitzel stammt vermutlich aus einer satirischen Fernsehkochshow und ist sicher das größte jemals panierte Hakenkreuz und wird ins Guiness Buch der Rekorde eingetragen. Das Nazi-Schnitzel in aller Munde und Schnitzschnitzel mein Wort der letzten Aprilwoche.

Lavendelblätterregen

Ich laufe gern, mach vieles aber gerner. Ferner ist es an freien Tagen auch naheliegend, einfach länger liegen zu bleiben und zu lieben, was einem nah. Aber weil mich die Laufhose schon seit einer Woche hämisch angrinst ziehe ich sie mir heute über und trete vor die Tür. Schritt, Schritt, Laufschritt, Lauf – geht ja. Läuft. Ich laufe auf der Schmelz. Die Schmelz ist ein übergepflegtes Kleingartenvereinsidyll. Momentan blühen da mehr Pflanzen als ich zu benennen weiß. Ich schwitze, dampfe, keuche. Es geht der Wind, es saust, er zupft zart an den Pflanzen, lässt es lila Blätter regnen: Lavendelblätterregen. Ich laufe, lache, schnaufe. Ich laufe gern.

Plastiktonnenschuttschacht

Es rummst. Im Haus gegenüber wird der Dachboden ausgebaut. Aber erstmal wird das Dach abgedeckt, die Dachziegel, einer nach dem anderen, händisch in den Plastiktonnenschuttschacht geworfen, um mit einem Rumms in der bereitstehenden Mulde anzukommen. Das Rummsen wird anfänglich, bis der Boden der Mulde dachziegelscherbenbedeckt ist, von einem hohl, metallischen Donnern gekrönt und geht allmählich in ein Krachklirren über. Ich schaue dem Rummsverantwortlichen in die Augen, er hält meinem Blick mühelos stand. Die Rummsintervalle beeinträchtigen meine Konzentrationsfähigkeit, außerdem fällt mir auf, dass ich keine Hose an habe. Der Rummsverantwortliche sieht gnädig darüber hinweg. Noch geschätzte tausend Krachziegel. Ich geh besser wieder ins Schlafzimmer, das ist hofseitig, da zwitschern grad Vögel und die Nachbarn in der Wohnung unter mir, kochen – wie immer – etwas sehr Zwiebeldominantes.

Schläfenstreichelstreifen

Gestern schabte ich an mir. Gestern trimmte ich mich lateral. Gestern bescherte mir ein etwas unkontrollierter Rasierapparateinsatz linksseitig, oberhalb des Ohrs eine Haupthaarschneise. Mein Begehr waren an sich schnödes Interesse akustischer Natur. Ich wollte wissen, wie der Apparat klingt und freute mich gleichzeitig, dass der Rasierapparat einer der letzen Apparat-Bastionen ist. Beim Trockenrasierer ist Apparat noch immer nicht antiquiert. Klar, bemühen sich die Hersteller um spaciger klingende Namen. Aber irgendetwas mit -Shave tönt halt auch nicht so überwältigend innovativ. Rasierapparat kann man also noch immer sagen, ohne als Sprachkonservator oder gar -reaktionär appostrophiert zu werden. Mein Begehr war also, zu erhören, wie er klingt, der mich künftig glattrasierende Apparat. Ich gab ihm also Power, hielt ihn ans Ohr, näher ans Ohr, kam plötzlich an der oberen Ohrkante an, heulte auf, zerhäckselt wurde mein Ohrrand nicht, aber ich mähte mir einen circa sieben Zentimeter langen Streifen in mein Seitenhaar. Der Apparat freute sich über die leichte Beute, feine Härchen flogen, stoben, sorgten für ein prickelndes Knistern. Ich mochte das Geräusch des Apparats bei der Arbeit, mehr als das beschäftigungslose Surren, deshalb setzte ich ihn nochmal an und verlängerte die Testzone. danach fuhr ich mit meiner Hand drüber, Erregung, mit dem Handrücken, neuerlicher Erregungsschauer. Entweder ich hatte eine geheime erogene Zone an mir entdeckt, oder eben vermittels des Apparats eine geschaffen. Jetzt bin ich Träger einer Ich-spür-mich-Zone, eines klar erkenntlichen Schläfenstreichelstreifens und fühle mich gut damit. Den Rasierapparat hab ich mit Hinweis auf mein rotes, verletztes Ohr im Laden zurückgegeben.

Palaverlover

Ich bin ein Palaverlover. Ich laber gern so vor mich hin. Ich hab „Loslabern“ von Rainald Goetz auch richtig gern gelesen. Wobei palavern an sich vermutlich mehr ein Plaudern ist. Es palavert jedenfalls niemand mehr, alle smalltalken und sie smalltalken mehrheitlich schlecht. Guter Smalltalk, gutes Konversieren, gutes Palavern aber ist eine Kulturtechnik, die es nicht zu verachten gilt. Freilich, im Präsmartphonezeitalter wurde mehr palavert. Aber ich laber noch immer gern. Ich liebe labern. Ich bin ein Palaverlover. Der Palaverlover kann gar nicht oft genug fremd gehen. Je mehr der Palaverlover fremdgeht, desto versierter wird er. Palaverlover sind harmlos, sie kauen einem allerhöchstens ein Ohr ab oder reden einem ein Loch in den Bauch. Aber ich sag immer: Besser ein Loch in den Bauch gelabert als schwanger. Und besser ohne Punkt und Beistrich als gar nicht reden. Der Palaverlover ist zwar momentan etwas aufs Abstellgleis geraten, aber er wird wieder Saison haben. Gewiss!

Warteschwarte

Die Warteschwarte ist leider etwas aus der Mode gekommen. Mit einer Warteschwarte hat man einst stundenlange Zugfahrten überbrückt. Mit einer Warteschwarte fand man sich pünktlich bei der Provinzbushaltestelle ein und wartete auf den Bus, die Freunde, den Freund mit Auto, die Freundin zum Knutschen (und diese gleichzeitig mit der Warteschwarte zu beeindrucken – quasi Buchpetting und ging man dann Hand in Hand miteinander, hatte man einen Armschwarm). Die Warteschwarte war abgegriffen und zerlesen. Sie wies durchaus Flecken auf und konnte an sich schon Geschichten erzählen. Wo die Warteschwarte nicht schon überall mit dabei war, frage nicht. Ob ein Ereader ein Warteschwartenersatz sein kann, weiß ich nicht.

Komischmaschine

Die Komischmaschine ist ein klassisches Kofferwort. So wie meine Wolpertinger in “Kuhu, Löwels, Mangoldhamster”. Aber die Komischmaschine ist weder Tier, noch macht sie Beton. Die Komischmaschine macht Spaß. Das fängt ja schon bei der internen Wortbedeutung an: KOmischmaschine kann man nämlich auch lesen. Man merkt schon, die Komischmaschine ist umwerfend witzig. Aus der Komischmaschine purzeln seltsame Sätze: Zeitbeton und Zwangst. Beklemmungsnebel und Unbehagelschlag. Sie Sonne ziert sich sonderlich. Der Alltag an sich siecht beträchtlich (Februar), des Nahbars Ansicht (Baustelle) stimmt verächtlich. Dieser Komischmaschinenoutput ist noch nicht weit von der Mischmaschine entfernt. Auch eine Komischmaschine will in Schwung kommen, aber Februar ist die Zeit, in der selbst sonnige Gemüter dem Konzept der pharmazeutischen Aufhellung etwas abgewinnen können. Normalerweise arbeitet die Komischmaschine zuverlässiger.